Gelobt sei Jesus Christus!

Ein Bekannter, dem ich erzählte, dass ich Ihnen Briefe schreibe, meinte, ich müsse unbedingt auch etwas über Reliquien erwähnen.

Im Mittelalter sollen die Klöster im großen Stil Reliquien fabriziert haben, denn die Nachfrage war groß. Kirchlich wie privat. Schließlich sollten in jedem Altar Reliquien eingebaut sein. Fassungslos habe ich vor wenigen Jahren im Fernsehen gesehen, wie der neue Bischof von Feldkirch, Kurt Küng seinen vergoldeten Hirtenstab zeigte und erklärte, wo man in diesem die Reliquie aufbewahrt. "Im Lexikon der christlichen Moral" steht zu lesen:

"Reliquien im engeren Sinn sind Überreste von Leibern verstorbener Heiliger oder Seliger, im weiteren Sinn ihre Gebrauchsgegenstände oder Dinge, mit denen ihre Leiber berührt wurden. Als Reliquie des Herrn können Dinge, mit denen er zu tun hatte, vor allem das hl. Kreuz, ja sogar die hl. Stätten bzeichnet werden."

Auch dieses Thema wurde beim letzten Konzil aktualisiert und keineswegs verworfen. Die Kirche ist nach wie vor besorgt um die Erhaltung hervorragender Reliquien und solcher, die in einer Kirche vom Volk sehr verehrt werden. Das hatte und hat leider folgende Auswüchse, die ich dem "Neuen Pfaffenspiegel" entnahm:

"Im Mittelalter wetteifern Mönche, Bischöfe und Kirchenpatrone untereinander, um das arme Volk zu betrügen und ihm unter Mißbrauh der Reliquien mit heuchlerischen, von Frömmigkeit triefenden Redensarten ihr sauer verdientes Geld abzuknöpfen. Noch heute werden Wunder von Millionen für wahr gehalten. Es gilt selbst für 1980, wo erneut versucht wird, das in 20-facher Ausfertigung vorhandene Grabtuch Christi als echt hinzustellen. 1988 gelingt der Nachweis, dass alle, die an dieses Tuch geglaubt haben, einer Illusion aufgesessen sind.

Am 15. 4. 81 teilt mir (Hans-Jürgen Wolf) die Informations- und Öffentlichkeitsstelle des Bischöflichen Ordinariates Limburg mit: '....dass manche Reliquien durch ihre lange Verehrung einen spirituell-zeichenhaften Charakter und Wert erhalten haben'

Die christliche Reliquienverehrung setzt im 3. Jh. ein. Schon kurz danach erkennt man ihren Wert zur Aufrechterhaltung des Glaubens. Das 2. nicäainische Konzil verlangt, dass jeder Altar mit einer Reliquie zu versehen ist. Das Konzil von Trient schleudert gegen alle, die der Verehrung nicht nachkommen, den Fluch der Kirche zu. Heute ist der Reliquienkult durch Dekrete geregelt.

Im Verbund mit dem Reliquienhandel ist festzustellen, dass immer mehr gleiche Teile an verschiedenen Gnadenstätten verehrt werden. ... Der Kopf von Johannes dem Täufer ist zweimal vorhanden. Die hl. Ursula muß eine vier-köpfige Mißgeburt gewesen sein, denn  ihr vollständiger Leichnam wird in St. John d'angely verehrt, während ihre Schädel in Köln, Mons und Bergerac zu bewundern sind. Der hl. Sebastian ist viermal vorhanden und der hl. Lazarus hat drei Leichen hinterlassen. Die Schädel der hl. Drei Könige werden in Köln und Mailand verehrt. Das Skelett des hl. Gregor ist in 26 Exemplaren greifbar, obwohl 494  Papst Gelasius das irdische Dasein des Drachentöters als Legende bezeichnet hat.

Reliquienbeispiele:

Etwas vom Hauch Christi in einer Schachtel. Einen Sack voll ägyptischer Finsternis. Etwas Schall von den Glocken, die geläutet wurden, als Jesus in Jerusalem einzog. Ein Strahl von dem Stern, der den Weisen aus dem Morgenland den Weg geleuchtet hat. Etwas von dem zu Fleisch gewordenen Wort Christi.

Die Reliquienverehrung entwickelt sich aus dem Heiligenkulten und die Verehrung von Heiligen entspricht antiken Wanderungssagen. ... Der Heiligenkult ist ein von der römisch-kath. Kirche mitgeschlepptes und künstlich aufrecht erhaltenes Trugbild.  ...

Je zahlreicher man auf Reliquien verweisen kann, desto größer ist der Zulauf der Massen, desto schneller füllen sich die Kassen, denn umsonst waren Reliquien nirgends zu sehen. Die Einkünfte dienen zur Aufrechterhaltung der Prosperität, dem halten von Konkubinen und dem Ernähren der priesterlichen Familien samt ihrer Kinder. Sie dienen der prunktvollen Ausstattung von Kirchen, Klöstern und Abteien. Doch Überfluß macht leichtsinnig. Bald streiten sich einzelne Kirchen, wer denn nun das jeweils 'echte' Stück besitzt, und wäre es nur einer der 13 erhaltenen christlichen Vorhäute.

Kuriose Kirchenschätze:

Das Liebfrauenkloster in Aachen weist auf folgende Schätze:

Die Windeln unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, das Schürzen- und Lendentuch desselben, der Gürtel unseres Herrn und Heilands, ein Stück von der Geißelsäule des Herrn, ein Stück von dem Rohr, das ihm bei der Dornenkrönung als Szepter diente, ein Teil des Strickes, womit der Erlöser an die Geißelsäule gebunden war, ein Stück vom Purpurmantel des Herrn, mehrere Partikel vom hl. Kreuz, ein Stück des Kreuznagels, ein Teil des Schweißtuches vom Herrn, Haare vn der allerseligsten Jungfrau Maria, das Kleid der Mutter Gottes, einen Teil des Gürtels von der allerseligsten Jungfrau Maria, das Enthauptungstuch von Johannes dem Täufer.

Die Wittenberger Schloßkirche weist etwa 5.000 Reliquien auf, die kurz vor dem Ausbruch der Reformation dort eingestapelt sind. In Wittenberg ist der Schwindel so lukrativ, dass aus den Einkünften Professoren bezahlt werden ....

Der Kurfürst Friedrich der Weise hat in Kardinal Albrecht von Brandenburg einen ernsthaften Nebenbuhler. In seiner Residenz Halle stapelt er Tausende von ihnen. Darunter befinden sich:

42 vollständige Leichname, der wahre Körper Christi, den er zur Löschung der Sünden der Menschen dargebracht hat. Eine Flasche Milch aus den Brüsten der Jungfrau Maria. Einen Krug von der Hochzeit von Kanaa. Einen Teil der Erde, aus der Adam geschaffen wurde. 20 Fragmente des Dornenbusches, den Moses brennen sah.

1645 bringt der Kölner Probst Gelenius eine Schrift heraus, in der die im Dom aufbewahrten Reliquien der hl. Drei Könige und die Reliquienschätze von 15 weiteren Kirchen und 6 Klöstern der Stadt Köln beschrieben sind. Hier finden wir die Überreste von sämtlichen Aposteln und Evangelisten, Haare und Milch Marias, Steine, mit denen man Stephanus gesteinigt haben will usw. sowie eine Zehe des mongolischen Riesen Christopherus.

Man erhöht zur Reliquie:

Die hl. Lanze, mit der der römische Ritter Longinus Jesus in die Seite gestochen hat. Die Smaragdschüssel, aus der Jesus sein Opferlamm verspeiste. Den Kelch Christi, den er beim Abendmahl benutzt hat. Einen der 30 Silberlinge und die Laterne, die Judas benutzt hat. Das Waschbecken, in dem sich Pilatus die Hände gewaschen hat. Die Ketten von Petrus.

Die 'hochheilige' Vorhaut Christi

Der Fund hat die Kleriker peinlich berührt. Alle Vertuschungskünste werden aufgeboten, um die Sache zu verharmlosen. Die ganze Welt wird im 20. Jh. auf das päpstliche Raritätenkabinett aufmerksam. Vermutlich kommt das Paradestück zwischen 1073 - 1118 mit anderen Reliquien in den Lateran. Es ist in ein Kreuz geschlossen, das jährlich am Fest der Kreuzeshöhung (14. 9.) gesalbt wird. Zu Beginn des 16. Jh. werden die Reliquien unter Leo X zum letztenmal öffentlich gezeigt. Selbst Alphonsus Maria de Liguori beschäftigt sich mit der Frage der christl. Vorhaut und sagt '...da das Dogma lehrt, der ganze Christus, mit allen seinen Gliedern, werde in der Kommunion gegessen, erörtern einige Theologen die Frage, ob Christus als Jude beschnitten worden ist ... ob er in der konsikrierten Hostie die Vorhaut besitzt oder nicht'.

1905 kommt der Jesuit Grisar in das Raritätenkabinett. Er legt einen schriftlichen Bericht über die eingelagerten Kostbarkeiten der Pfalzkapelle im Lateran vor. Es finden sich:

Die Vorhaut und die Nabelschnur Christi, ein Brot und 13 Linsen vom letzten Abendmahl, ein Stück des Feigenbaumes, auf dem Zachäus gesessen hat, ein Stück vom Schleier Marias, einige Haare von ihr, Milch von der allerseligsten Jungfrau, der Bußgürtel aus Kamelhaaren von Johannes dem Täufer.

Im Laufe der Zeit wird die Vorhaut in Charoux (Ppoitiers), Antwerpen, Paris, Brügge, Boulogne, Besancon, Nacy, Le Puy, Conques, Perugia, Hildesheim und Calcata (Nähe Roms) verehrt. Fest steht, dass Ablässe verliehen worden sind, um die Verehrung der Jesus-Vorhaut anzukurbeln. Fest steht, dass es in Antwerpen regelrechte Vorhaut-Kapläne gegeben hat und dass man hier die Vorhaut in einem feierlichen Umzug durch die Straßen geführt hat. Fest steht, dass schwangere Frauen zur hochheiligen Vorhaut nach Charroux gepilgert sind um ihrer schwersten Stunde ohne Besorgnis entgegenzusehen. Fest steht, dass man noch zu Beginn des 20. Jh. in Calcata, unter der Billigung eines Papstes öffentlich eine der Vorhäute angebetet hat.

Mit der Reformation setzt u. a. eine massive Kritik an der Reliquienverehrung der röm.-kath. Kirche ein. So macht sich Calvin in seinen 'Goldenen Büchlein' über die Reliquien lustig. Eine Generation danach treten die Jesuiten auf den Plan. Sie nutzen geschickt die Epoche der religiösen Verunsicherung zur Durchsetzung ihrer politisch-religiösen Interessen. Der gepriesene Salmeron, ein Licht der Gesellschaft Jesu, bezeichnet die Vorhaut als Verlobungsring, den Christus seiner Braut geschickt hat. Zudem trägt er vor: '...endlich wurde diese Vorhaut, wie aus seiner äußerst sicheren Tradition hervorgeht, zur ersten Braut Christi d. h. der röm. Kirche gebracht, die die Mutter und Lehrmeisterin aller anderen Kirchen ist.'

Der Dominikaner Billuart (gest. 1757) erklärt: '...nach der allgemeinen Meinung der Theologen hat Christus die Vorhaut auf der Erde zurückgelassen, damit sie der Verehrung der Gläubigen dient'. Ein Jesuit ist der Meinung '...dass es durchaus möglich sei, dass Gott auf 'wunderbare' Weise die Vorhaut vervielfältigt hat, was er nach der hl. Schrift auch mit Wein, Brot und Fischen getan hat'.

Aufgrund der Fakten kann die Kirche den Zwischenfall nicht vom Tisch kehren. Noch in der Mitte des 18. Jh. erteilt Benedikt XIII einen Ablaß zur Förderung der Vorhaut-Andacht."

Es wäre schön, wenn der Verfasser des "Pfaffenspiegels" Unrecht hätte und ich kann beim besten Willen nicht nachprüfen was stimmt und was nicht. Es gibt jedoch mehrere Reliquien-Bücher, die ebenfalls von diesen frommen Betrügereien berichten. Immerhin, die Lage ist besser geworden. In der Hohenemser Kirche waren z. B. vor ein paar Jahren im Reliquien-Glaskasten noch rosa Seidenpätschchen vom Hl. Karl ausgestellt und nun ist er leer. Aber es ist noch nicht lange her, dass mir eine Frau aus Oberösterreich ein paar Holzperlen sandte, die einen Splitter vom Kreuz Christi berührt hätten........

Doch lassen wir den Herrn selbst zu Wort kommen:

".....Was ist hernach von einem solchen sein wollenden 'Stellvertreter Gottes auf Erden' zu halten, der sich selbst 'heiliger Vater' und 'Euer Heiligkeit' titulieren läßt, und was von dem am meisten von  ihm ausgehenden jüngsten und vorhergehenden besondern Gerichte, Fegfeuer und Hölle zu halten?!

Ich sage euch, ebensoviel als von seiner Heiligkeit, von seinen ihm untergeordneten Eminzen, vonm Stuhle Petri in Rom, welche Stadt Petrus nie gesehen hat, und von den Kreuzpartikeln etwa desjenigen Kreuzes, auf dem Ich gekreuzigt wurde, das sich aus höchst wohlweisen Gründen auf der ganzen Erde ebensowenig als echt irgend mehr vorfindet, als wie wenig Mein Leibrock, der zu Trier in Deutschland zu öftern Malen gezeigt wurde, echt ist; oder die Gebeine der Leiber der drei Könige in Köln, oder die drei eisernen Nägel in Mailand, da es deren in allen römischen und griechischen Kirchen zusammen eine solche Anzahl gibt, dass man mit ihnen eine kleine Eisenbahn herstellen könnte. Das Weitere könnt ihr euch wohl selbst denken, und Ich brauche euch darüber nicht viel mehr zu sagen. Dass man bis jetzt bereits über drei echte Köpfe Johannes des Täufers gefunden hat, wird euch mehr oder weniger bekannt sein, so wie auch, dass man in der (sein sollenden) Grotte Meiner Geburt noch fortfahrend versteinerte Milch Meiner Mutter Maria auffindet und ums Geld an die frommen Pilger verkauft, nebst vielen andern heiligen Reliquien! "

Das sind aufklärende Worte, allerdings nicht von Jakob Lorber - sondern von seinem Nachfolger Leopold Engel im Großen Evangelium 11. Band, Seite 246, 247. Zu Leopold Engel möchte ich anmerken, dass  das Große Evangelium nach dem Tode von Lorber im Jahre 1864 unvollendet blieb. 1891 erhielt dann der in Dresden aufgewachsene Leopold Engel ebenfalls durch das Innere Wort den Auftrag den Schlußband zu schreiben. Nahtlos an den 10. Band geht es dann mit dem letzten Lehrjahr des Herrn bis zu seinem Tod weiter. Am Schluss finden sich noch Texterklärungen und ein Kapitel "Du bist Petrus der Fels" - auch sehr aufschlußreich. Dann gibt es noch ein weiteres Werk im Lorber Verlag von ihm "Im Jenseits".

Mit besten Wünschen und Grüssen

Ihre Traudy Rinderer

 

Anno domini 2009 am 24. Jänner